Über den dramatischen Strukturwandel bei den Milcherzeugern wird sehr häufig berichtet. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Zahl der Milcherzeuger in Deutschland alle 10 Jahre nahezu halbiert. Längst ist bundesweit die Zahl von 50.000 und in Bayern die Zahl von 20.000 melkenden Betrieben unterschritten worden. Ungeachtet einer Konsolidierung im vergangenen Jahr wird diese Entwicklung noch nicht das Ende gewesen sein. Im Gegenteil: Nicht nur die jüngste Entwicklung der Milchpreise, vor allem aber die Unkalkulierbarkeit der Kosten und der politischen Rahmenbedingungen lassen sogar manchen "eigentlich" bereits gut aufgestellten Betrieb darüber nachdenken, weiter in die Milcherzeugung zu investieren.
Milchbauern sind aber auch auf starke Partner und somit Milchverarbeiter angewiesen, die ihrerseits wieder gut "am Markt" aufgestellt sind und ebenso über Investitionen zu entscheiden haben. Dies ebenso mit Blick auf häufig wechselnde politische Vorgaben, einer stabilen Finanzierung, aber auch der sich schneller ändernden Nachfrage seitens der Verbraucherschaft. Vor kurzem hat die bekannte Unternehmensberatung Roland Berger die deutsche Molkereiwirtschaft genauer unter die Lupe genommen: Auch diese stünde vor einer Zeitenwende mit vielen Herausforderungen - und wohl ebenso vor einem drastischen Strukturwandel! Im Rahmen dieser Studie wurden sechs Hypothesen formuliert, deren wesentliche Inhalte folgende sind:
Hypothese 1: Volatilität ist die neue Normalität: Zyklische Ausschläge bei den Milchpreisen, vor allem hohe Abhängigkeit von geopolitischen Handelsrestriktionen und damit verbundene Risiken, hohen Energiekosten verlangen höhere Handlungsgeschwindigkeit als Kernkompetenz sowie eine solide Eigenkapitalbasis. Damit soll Volatilität proaktiv angegangen werden.
Hypothese 2: Marktkonsolidierung schreitet voran: Seit 2010 hat sich auf der Verarbeitungsseite die Zahl der Molkereien nahezu halbiert. Vor der Tür steht der Zusammenschluss (oder Übernahme?) von Arla Foods und DMK zur größten Molkereigenossenschaft im europäischen Raum. Grundsätzlich würde ein Unternehmen mindestens 250 Mio. Euro haben müssen, um als Partner gegenüber dem Handel Relevanz zu haben. Neben Größe sei auf eine klare Differenzierung über regionale Verankerung oder funktionale Produktalleinstellung zu achten
Hypothese 3: Wachstum erfordert Neuausrichtung Das größte Wachstumspotenzial der Verarbeiter liege abseits des gesättigten Massenmarktes. Unternehmen müssten aktiv neue Wachstumsfelder erschließen, ein Exportanteil von 30 bis 50 Prozent sollte für überregionale Molkereien strategisches Ziel sein.
Hypothese 4: Schnelles und unternehmerisches Handeln als Erfolgsfaktor: Eigenkapitalquoten von 40 bis 60 Prozent bei unternehmergeführten Privatmolkereien stehen deren nur 15 bis 25 Prozent bei genossenschaftlichen Betrieben gegenüber. Letztere verarbeiten rund 60 bis 65 Prozent der deutschen Rohmilchmenge, seien aber aus verschiedenen Gründen deutlich weniger flexibel. Erfolgreiche Molkereien müssten eine Kultur des schnellen, proaktiven Handelns verankern.
Hypothese 5: Milch bleibt Kernprotein mit Relevanz: Milch tierischen Ursprungs bleibt das dominante Protein in der deutschen Ernährung. Etwa 30 Mrd. Euro Umsatz in Deutschland stehen aktuell nur rund 4 Prozent des Gesamtmarktes für pflanzliche Alternativen gegenüber. Ernährungsphysiologisch ist Kuhmilch klar im Vorteil: Mit rund 3 g Protein/100 ml ist sie dem Haferdrink mit rund 1 g/100 ml deutlich überlegen. Fast drei Viertel der deutschen Verbraucher bevorzugen natürliche Zutaten: Vorteil tierischer Milch gegenüber hochverarbeiteten pflanzlichen Produkten.
Hypothese 6: KI transformiert alle Unternehmen: Auch die Molkereiwirtschaft kommt an Künstlicher Intelligenz (KI) nicht vorbei. Vor allem mit Blick auf die Potenziale für Kostensenkungen, die mit 10 bis 15 Prozent veranschlagt werden, vor allem im Bereich Planung und Logistik. Hier gelte es jetzt nicht den Anschluss zu verlieren und eine gezielte Transformation zu schaffen.
Insgesamt wurde konstatiert, dass Wachstum möglich sei, auch in volatilen Zeiten: Die deutsche Molkereiwirtschaft befinde sich in einer Phase des tiefgreifenden Wandels, die aber auch attraktive Chancen bieten würde, wenn Volatilität strategisch angegangen würde und Wachstumsfelder konsequent erschlossen werden würden. Die komplette Studie ist übrigens hier nachzulesen.